Nina Bußjäger

digitalcatalog

Film ©  Michael Lauter | 2024

Bussjägers Werke, in deren Mittelpunkt meist eine einzelne Person steht, bewegen sich stilistisch von der Figuration zur expressiven Abstraktion. Figur und Umgebung stehen dabei stets in einem signifikanten Verhältnis zueinander und unterstreichen den komplexen Zustand, in dem der Mensch gefangen zu sein scheint.

Die Künstlerin arbeitet ihre Sujets in einer hyperrealistische Malweise aus, die sie aber konterkariert durch den gezielten Einsatz von formalen und inhaltlichen Kontrasten in Form und Farbe und kippenden Perspektiven. Auch durch Schärfen und Unschärfen driftet die oberflächliche Realität dabei in eine tiefere Ebene ab, in der individuelle Konflikte zwischen intensiven Emotionen und körperlichen Empfindungen spürbar werden. Arbeiten wie „Das große Erbrechen“ und „Wie lange noch?“ lassen den Betrachter eintauchen in diese Turbulenzen des menschlichen Daseins. Ein innerer Kampf. Porträts, die die Form des oberflächlichen Bildes sprengen und die tiefsten Dämonen erbarmungslos an die Oberfläche bringen. Figur und Spiegelbild liefern sich in der quallernd- flutenden Masse einen Kampf. Es herrscht ein fassungsloses Starren zwischen den beiden Kontrahenten, bis sie sich gegenseitig anspucken und ihre Körper auseinander reißen. So ist es nicht Narziss, der an der unermesslichen Liebe zu seinem Spiegelbild zu Grunde geht; nicht Hesse’s Siddhartha, der erst durch den suizidalen Selbsthass neuen Lebensdrang findet. Räumliche und zeitliche Orientierung scheinen aufgehoben und formen eine Endlosschleife im fraktalen Ringen mit sich selbst und in einer immer größer werdender Distanz zur Außenwelt. Gegraben wird tiefer und tiefer: Wie lange noch?

Es ist die Darstellung einer gefühlten Hilflosigkeit, die sich vom Menschen auf die Menschheit ausbreitet und Nymphen, ehedem halbgöttliche Naturgeister, haben in dieser modernen Welt keine Bedeutung mehr. Der Mensch stutzt die Wildheit der Natur auf das urbane Umfeld zurecht. Künstlich angelegte Brunnen werden zur einzigen Wasserquelle, bis es kein Wasser mehr gibt. Überall nur Plastik und Müll und wo es einst grün war, vertrocknet alles und geht in Flammen auf. Letztlich wird die Erde für Weinanbau und Agrikultur unbrauchbar …. Während die Natur verendet, steigt der Bedarf an Wohnraum immer weiter und es werden Gebäude errichtet, wo der trockene Boden nur das noch erlaubt. In verschmutzter Luft, Hektik, Angst und Misswirtschaft finden Randexistenzen weder Anschluss, noch Respekt. Auch die Menschen, die man liebt, werden fallen und allein gelassen, in einem gesellschaftlichen Konstrukt, das nur die Stärksten überleben lässt. Ist das Dystopie oder sogar längst schon Realität? Das Bild ‚Et tu‘ kämpft mit diesen Fragen. Was erlaubt uns über Menschen zu richten? Optik? Kultur? Erfolg? Geld? Dabei wird schnell verdrängt, wie schnell sich die Rollen umkehren können. Behalten wir dann noch unseren Stolz und unsere Mündigkeit oder fügen wir uns in die Richtung, die andere vorgeben?

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