
Film © Michael Lauter | 2024
Stefan Becker beschäftigt sich seit seinen Studienjahren in Frankfurt und Mainz mit dem Spannungsfeld zwischen den Themen Architektur, Urbanität und Kunst. Ein Grund für sein Interesse an der Stadtlandschaft könnte in seiner Kindheit liegen. Damals begeisterten ihn die Skizzen und Pläne eines Onkels, der Architekt war. In Reiseskizzen, Aquarellen und größeren Bildkompositionen nähert sich Stefan Becker seit über 40 Jahren dem Mythos STADT. Er ist neugierig auf die Eindrücke, die Städte auf den Reisenden hinterlassen und setzt sie künstlerisch um. „Es sind nicht nur die persönlichen Erfahrungen und Eindrücke, die den Blick auf eine Stadt prägen, es sind oft auch historische Ereignisse, literarische Texte, Filme und Bilder, die unsere Sicht auf die Stadt prägen und zu einem Mythos werden lassen, weit über ihre Gebäude, Plätze und Parks hinaus“, sagt Stefan Becker. Aber welche Phänomene aus Kulturgeschichte, Literatur, Kunst oder Philosophie tragen mit dazu bei, eine Stadt zu einem nachhaltigen Erlebnis werden zu lassen? Antworten und Einsichten gewinnt der Künstler auf seinen Reisen und in den darauf folgenden künstlerischen Arbeiten in Form von Skizzen, Aquarellstudien, großformatigen Acrylbildern und vor allem in seinen technisch komplexen Radierungen. Stilistische Merkmale seiner Stadtansichten sind z.B. der Kontrast zwischen topographischen Bezügen und freien, ungegenständlichen Texturen, die Artikulation eines Motivs und dessen Auflösung, die Betonung von Raum und illusionistischer Perspektive sowie das freie Spiel zwischen Verdichtung und Leere.
Noch vor dem Studium entdeckte Becker die Radierung als faszinierendes künstlerisches Druckverfahren für seine Arbeiten. Mit 17 Jahren erwarb er seine erste Tiefdruckpresse; das erste in Metall geritzte Motiv war natürlich eine Architektur! Bis heute ist Becker dieser Drucktechnik treu geblieben und jedes Jahr entstehen so in seiner Werkstatt etwa fünf bis sieben neue Editionen, die in den zurückliegenden Jahren u.a. von „Glaspalast“ in Augsburg, der „Wissenschaftlichen Buchgesellschaft“ in Darmstadt und der „Büchergilde Gutenberg“ in Frankfurt verlegt wurden. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte er sich zu einem hochspezialisierten Tiefdrucker, der den komplexen Arbeitsablauf von der Beschichtung und Bearbeitung der Metallplatte über die differenzierten Ätzverfahren mit Säure und Eisenchlorid bis hin zum Druck mit vielen technischen Neuerungen experimentierfreudig perfektionierte. Neben den Radierungen bleiben Architektur und Landschaft auch bevorzugte Motive der Zeichnungen, Aquarelle und großformatigen Acryl- und Ölbilder.
Werden die Radierungen meist aus einer kalkulierten Komposition heraus entwickelt, entstehen die jüngeren großformatigen Leinwandbilder zunächst aus einem gestischen Spiel spontan gesetzter Formen und Farben. Schritt für Schritt verdichtet der Künstler diese erst danach zu Bildkompositionen mit deutlicherem Motivbezug, so etwa in „Hamburg-Docks“ oder in der Serie „Residence de Palmiers“, in der er wuchernde Vegetationen mit staffageartig wirkenden Personen kombiniert, deren Tun und Handeln für den Betrachter bisweilen unerklärlich oder irrational erscheint. Neben dem Pinsel setzt der Künstler verschiedene Malspachtel ein, die es ihm erlauben, einzelne Farbschichten wieder von der Leinwand abzunehmen oder flächig zu vermischen, um so ganz gezielt Transparenz und Simultaneität in der Vielfalt der Zwischentöne zu erzeugen. Den ersten Schichten aus Acrylfarben folgen weitere Schichten aus Ölfarbe, die partiell in ihrer Intensität noch gesteigert werden durch direkt aufgebrachtes Farbpigment. Gestisch gezeichnete Striche und Krakel mit Pastellkreiden verstärken bewusst die unruhige Bildstruktur, aufgesprühte Öllackzonen konterkarieren allzu prägnante Form- und Gegenstandsbezüge.
Auch wenn Stefan Becker jede Zeigefinger-Inhaltlichkeit in der Bildenden Kunst ablehnt, so lassen sich doch in mehreren Werken und insbesondere im Agieren der Figuren in diesen ironische und spöttische Verweise auf bestimmte menschliche Befindlichkeiten und Verhaltensweisen entdecken…bei sehr genauem Hinschauen. Der Hauptfokus bleibt jedoch immer die Auseinandersetzung mit den malerischen Mitteln, mit der Expressivität und Suggestionskraft von Farben in Kontrasten, Klängen und Harmonien So gelingen Stefan Becker artifizielle Arbeiten von großer Farbintensität und Leuchtkraft zwischen Natur und künstlicher Naturinszenierung.